„Unternehmen müssen bei Digitalisierung in Vorleistung gehen“

Bernd Appel ist Geschäftsführer von Lufthansa Industry Solutions. Für ihn fängt Digitalisierung im Top-Management an. Warum das so ist, welche Rolle der demografische Wandel dabei spielt und wieso es noch an der Umsetzung hapert, erklärt er im Interview.

Herr Appel, nahezu alle Unternehmen haben die Notwendigkeit der Digitalisierung erkannt. Doch deshalb nehmen sie noch längst nicht alle Unternehmen auch aktiv in Angriff. Woran liegt das?

Auch wenn es schon häufig gesagt wurde, kann ich es nur bekräftigen: Digitalisierung ist nach wie vor Chef-Sache – das ist branchen- und größenunabhängig. In den Unternehmen geht es voran, in denen das Top-Management vom Nutzen der Digitalisierung überzeugt ist und weiß, dass es hier Geld investieren muss ohne bereits den Return on Investment ganz genau zu kennen. Unternehmen müssen in Vorleistung gehen. Wenn die obere Führungsebene das verstanden hat, werden häufig recht schnell die entsprechenden Ressourcen freigesetzt – sei es in Form von Geld oder Personal. Wenn Unternehmen dann noch auf Agilität – sowohl in ihrer Organisationsstruktur als auch in Projekten selbst – setzen, können sie schnell auf neue Anforderungen reagieren und Projekte entsprechend umsetzen. Damit sind die Grundvoraussetzungen für den Wandel geschaffen. Die Technologie steht ohnehin schon in den Startlöchern.

Warum hapert es denn sowohl bei kleinen als auch großen Unternehmen noch an der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten?

Zum einen liegt das an der Vielfalt der Möglichkeiten. Es gibt allein etwa Hunderte Internet-of-Things-Produkte am Markt. Die sind so vielseitig, dass viele Unternehmen hier erst einmal bei der Sondierung Hilfe benötigen, bevor sie Projekte tatsächlich umsetzen. Gerade, weil die IT-Investitionen in diesem Bereich nicht gerade trivial sind. 

Zum anderen hängen IT-Investitionen, insbesondere in die Digitalisierung, immer von der aktuellen Stimmungslage ab. Ist sie gut, geben Unternehmen Geld für Ideen und Projekte aus, von denen sie nicht genau wissen, wann und wie genau der Return on Investment eintritt. Wenn wir uns die aktuelle Situation ansehen mit der teils schwierigen geopolitischen Lage oder den Handelskonflikten, verstärkt das die Unsicherheit. Wenngleich ich die Lage Europas als stabil ansehe, agieren viele Unternehmen gerade eher abwartend, als dass sie euphorisch investieren.

Bernd Appel - Managing Director bei LHIND

In den Unternehmen geht es voran, in denen das Top-Management vom Nutzen der Digitalisierung überzeugt ist.

Bernd Appel, Geschäftsführer Lufthansa Industry Solutions

Bei denjenigen, die investieren, steht als gefragte IT-Dienstleistung vor allem die Automatisierung von Prozessen ganz oben auf der Liste. Was sind die Gründe dafür?

In der Logistik und der Industrie sind die Verbesserungspotenziale durch automatisierte Prozesse besonders hoch. Das erklärt die hohe Nachfrage. Beispielsweise können Unternehmen viel effizienter sein, wenn sie eine ganze Lagerhalle oder eine Produktionsstraße mit Sensorik ausstatten. So vereinfachen sie Produktionsprozesse, verringern den Teileeinsatz oder verbessern die Qualität. Dass dies heute möglich ist, liegt an den Sprüngen, die sowohl Sensorik als auch die Batterieleistung in den vergangenen Jahren gemacht haben. Ein weiterer Schritt nach vorne beim Internet of Things wird gelingen, sobald die neue Mobilfunkgeneration 5G LTE ablöst. Dann werden beispielsweise Latenzzeiten noch geringer.

Es fehlen bei Blockchain und Robotics handfeste Anwendungsfälle. Wenn wir hier konkrete Beispiele zeigen können und der Nutzen den Unternehmen einleuchtet, werden diese Zukunftstechnologien verstärkt nachgefragt.

Bernd Appel - Managing Director bei LHIND
Bernd Appel
Geschäftsführer Lufthansa Industry Solutions

Blockchain und Robotics werden aktuell als die Zukunftstechnologien gehandelt. Wie ist das aktuell nur geringe Interesse der Unternehmen daran zu erklären? Was fehlt für den breiten Durchbruch?

Dass der Boom bei Blockchain und Robotics noch nicht so groß ist, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Unternehmen alle paar Augenblicke neuen Technologien begegnen. Kaum haben sie beispielsweise Big Data verstanden und genutzt, stand Künstliche Intelligenz vor der Tür. Kaum haben Unternehmen ein Toolset eingerichtet oder die App geschrieben, gibt es schon wieder Neuerungen und die Dinge verändern sich. Da ist es nicht so einfach, Schritt zu halten. Außerdem fehlen sowohl im Bereich Blockchain als auch bei Robotics handfeste Anwendungsfälle. Wie lässt sich etwa tatsächlich der Arbeits- und Prozessalltag mithilfe von Robotics nachhaltig verbessern? Wenn wir hier konkrete Beispiele zeigen können und der Nutzen den Unternehmen einleuchtet, werden diese Zukunftstechnologien verstärkt nachgefragt.

Welche Herausforderungen ergeben sich für die tägliche Arbeit der IT-Abteilung, wenn Unternehmen immer mehr neue Technologien einsetzen?

Unternehmen brauchen künftig nach wie vor Mitarbeiter, die vorhandene, ältere Applikationen betreuen nach dem Motto „Keep the System running“. Gleichzeitig müssen sich aber auch ITler mit dem Neuen beschäftigen, das immer vielfältiger wird. Hier könnte insbesondere der Mittelstand Probleme bekommen, diese Bandbreite abzudecken. Allein schon die IT-Security-Abteilung wird viel Personal und Know-how benötigen. Da die IT-Branche vom Fachkräftemangel nicht verschont wird, werden diese Unternehmen immer auf IT-Dienstleister angewiesen sein. Daher ist meine These: Digitalisierung wird künftig keine Frage des Alters sein – in der IT werden sowohl junge Berufseinsteiger genauso wie ältere Mitarbeiter gefragt sein. In unserer Branche müssen wir alle Ressourcen aktiv halten.

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