Interview mit Nils Büring

„Mobilität als Service verstehen, nicht als Produkt“

Elektromobilität, Digitalisierung und neue Nutzungsmodelle zwingen die Mobilitätsbranche zu einem tiefgreifenden Wandel. Für Fahrzeughersteller (OEMs) und Serviceanbieter heißt das: Es reicht nicht mehr, nur das Produkt weiterzuentwickeln. Es geht um ganzheitliche Mobilitätsökosysteme, in denen IT, Daten und Partnerschaften eine zentrale Rolle spielen.

Norderstedt, 13. Januar 2026 – Welche Faktoren sind für die Transformation entscheidend und welche Rolle kann KI dabei spielen? Nils Büring, Head of Mobility von Lufthansa Industry Solutions, erklärt, worauf es jetzt ankommt und wie künstliche Intelligenz (KI) dabei hilft.

Nils, wie beurteilst du die aktuelle Lage im Automotive- und Mobilitätsbereich?

Wir erleben eine Phase überlappender Transformationen. OEMs stehen unter Innovations- und Kostendruck, gleichzeitig verändern sich Mobilitätsgewohnheiten. Das gilt insbesondere in Städten, aber zunehmend auch im ländlichen Raum. Die Nutzer erwarten einfache, vernetzte, nachhaltige Angebote. Das fordert die gesamte Branche heraus.

Welche Rolle spielen neue Mobilitätsformen wie Carsharing, Ridepooling oder Auto-Abos?

Diese Angebote entwickeln sich zunehmend vom Pilotprojekt zur Infrastrukturkomponente. Der Fokus liegt heute auf Integration: Wie lassen sich Shared-Mobility-Dienste sinnvoll mit dem ÖPNV, mit Ladeinfrastruktur und mit digitalen Plattformen verbinden? Die Zukunft gehört Ökosystemen, in denen Mobilität als Service verstanden wird, nicht als Produkt. Vernetzung, Echtzeitdaten und Interoperabilität werden zu Schlüsselfaktoren.

Die Zukunft gehört Ökosystemen, in denen Mobilität als Service verstanden wird, nicht als Produkt.

Nils Büring
Head of Mobility von Lufthansa Industry Solutions

Was bedeutet das für OEMs und ihre strategische Ausrichtung?

Sie müssen sich vom produktzentrierten zum plattformfähigen Anbieter wandeln. Das Fahrzeug bleibt zentral, aber seine Einbindung in digitale, datenbasierte Prozesse wird zum Wettbewerbsvorteil. Software-Updates, Ladeintegration, KI-gestützte Services: Wer hier führend ist, kann neue Kundenbedürfnisse bedienen. Gerade im globalen Wettbewerb, etwa mit Playern aus China, zählen Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Innovationsfähigkeit. Es reicht nicht, nur mitzugehen. Es geht darum, Standards mitzugestalten.

Wie unterstützt LHIND Unternehmen in dieser komplexen Phase?

Wir begleiten unsere Kunden an der Schnittstelle von Technologie und Organisation. Viele Projekte drehen sich heute um den intelligenten Einsatz von künstlicher Intelligenz, etwa in der Produktentwicklung, bei Prognosen im Service oder der datenbasierten Prozessoptimierung. Wir arbeiten in drei Feldern:

  • Aufbau digitaler Plattformen inklusive KI-gestützter Analysemodelle,
  • KI- und Software-Engineering zur Automatisierung und Personalisierung von Funktionen,
  • IT-Integration, die Datensilos auflöst und Wertschöpfung übergreifend möglich macht.

Dabei bringen wir auch unsere Erfahrung aus anderen Branchen ein, etwa aus der Luftfahrt oder der Logistik. Dort geht es schon lange um Echtzeit, Stabilität und smarte Systeme.

Wie sieht aus deiner Sicht die Mobilität in fünf Jahren aus?

Wir bewegen uns hin zu einem hybriden Gesamtsystem: softwaredefinierte Fahrzeuge, automatisierte Funktionen, nutzungsbasierte Tarife, eng verzahnt mit Energie- und Dateninfrastruktur. Das Nutzererlebnis, Nachhaltigkeit und Verfügbarkeit stehen im Vordergrund. Wer Mobilität ganzheitlich denkt, also vom Use Case bis zur IT-Architektur, wird davon profitieren. KI ist dabei kein Add-on, sondern integraler Bestandteil.

Über Lufthansa Industry Solutions

Lufthansa Industry Solutions ist ein Dienstleistungsunternehmen für IT-Beratung und Systemintegration. Die Lufthansa-Tochter unterstützt ihre Kunden bei der digitalen Transformation ihrer Unternehmen. Die Kundenbasis umfasst sowohl Gesellschaften innerhalb des Lufthansa Konzerns als auch mehr als 300 Unternehmen in unterschiedlichen Branchen. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Norderstedt beschäftigt über 3.000 Mitarbeitende an mehreren Niederlassungen in Deutschland, Albanien, der Schweiz und den USA.