Künstliche Intelligenz
Mensch und Maschine müssen kollaborieren

Wo künstliche Intelligenz Unternehmen weiterbringt und wieso Organisationen eigenes Know-how in diesem Bereich aufbauen sollten, erläutern Dr. Lars Schwabe, Leiter des Data Insight Labs, und Joachim Wolf, Leiter Industrie, im Interview.

Wann sind Anwendungen mit künstlicher Intelligenz (KI) für Unternehmen sinnvoll?

DR. LARS SCHWABE: Das große Potenzial der künstlichen Intelligenz für Unternehmen liegt in der Automatisierung. Die selbstfahrenden Autos, die vor Jahren noch undenkbar waren, sind hierfür ein sehr sichtbares Beispiel. Auch die Schnittstelle vom Unternehmen zum Endkunden wird zukünftig stark von KI geprägt sein, etwa in Form von sprachbasierten Schnittstellen wie Chatbots. Ein großes Thema wird auch die Archivierung und IT-seitige Aktivierung von Wissen sein, das sich über die Jahre in einem Unternehmen angesammelt hat und meist nur implizit in den Köpfen einiger weniger – und oft bald in den Ruhestand wechselnder – Mitarbeiter existiert.

JOACHIM WOLF: Letzteres zeigt, dass künstliche Intelligenz nicht nur ein rein technisches Thema ist. Vielmehr sprechen wir aus Sicht der Industrie über ein Dreieck: Maschine, Mensch und Daten. Wenn die KI eine Bereicherung für die Mensch-Technik-Interaktion ist und damit eine höhere Wertschöpfung erreicht wird, ist es sinnvoll, sie auch einzusetzen. Ein Beispiel ist die vorausschauende Wartung, bei der die Maschine anhand einer intelligenten Datenanalyse vorab Wartungsbedarf anzeigt und der Mensch entscheidungsfähig ist, bevor ein Schaden eintritt.

Das klingt nach vielversprechenden Einsatzfeldern. Aber wie ist denn der Status quo beim Einsatz von KI in deutschen Unternehmen – wo geht es voran, wo hakt es?

JOACHIM WOLF: Es kommt tatsächlich auf den Reifegrad an. So ist etwa der Grad der Automatisierung in der Prozessindustrie zwangsläufig hoch, da sie per se gehalten ist, Daten zu erheben und zu verwalten. Anders dagegen in der Fertigungsindustrie. Hier gehört die Stückgröße 1 fast schon zum Standard, zudem kommen noch einzelne Produktkomponenten von unterschiedlichen Zulieferern hinzu. Eine Automatisierung, also die Effizienzsteigerung durch KI, ist dort deutlich schwieriger zu erreichen. Der Konsumgütermarkt dagegen kann die KI exzellent nutzen, um etwa Scouting zu betreiben, Verhaltensweisen der Konsumenten abzuleiten und mit passender, individueller Werbung zu reagieren.

DR. LARS SCHWABE: Neben den Unterschieden zwischen den Industrien hängt der Reifegrad auch vom jeweiligen Unternehmen ab. Oft fehlt es noch an der IT-Infrastruktur, damit KI den erhofften Mehrwert erzielt. Und das fängt damit an, dass Unternehmen ihre Daten sauber bewirtschaften und sich um Datenschutz kümmern. Hier stehen viele Unternehmen tatsächlich noch am Anfang.

Aus Sicht der Industrie sprechen wir bei künstlicher Intelligenz über ein Dreieck: Maschine, Mensch und Daten.

Joachim Wolf, Leiter Industrie Lufthansa Industry Solutions

Dabei hindern ein aufwendiger Datenschutz und Zweifel an der eigenen Datenqualität viele Unternehmen am Einsatz von KI. Inwiefern können Sie diese Sorgen nachvollziehen? Wie begegnen Sie diesen Vorbehalten?

DR. LARS SCHWABE: Aktuell ist KI zu 95 Prozent maschinelles Lernen und basiert auf Daten. Deshalb ist Datensicherheit besonders wichtig. Angesichts der großen Player wie Google oder Amazon, die eine Unmenge an Daten zentral anhäufen und nutzen, plädiere ich für eine dezentrale Lösung. Um Daten schützen zu können, die in der Industrie oder im Gesundheitswesen zum Teil sehr persönlich sind, sollten sie nicht in den Händen von einigen wenigen Playern liegen. Hier könnte die Blockchain-Technologie besonders wichtig werden.

JOACHIM WOLF: Darüber hinaus steht und fällt die Qualität von KI mit der Qualität der Daten. Mit manipulierten Daten sind keine vernünftigen Entscheidungen zu treffen. Von daher ist die Frage der Datensicherheit existenziell. Unternehmen aller Branchen sollten ihr Sicherheitssystem kontinuierlich auf dem neuesten Stand halten.

Worauf müssen Unternehmen außerdem achten, die künstliche Intelligenz erfolgreich einsetzen wollen?

JOACHIM WOLF: Der Business Value muss von Anfang an im Vordergrund stehen. Ich muss wissen, wie ein Data Analyst denkt und gleichzeitig das Handwerkszeug eines Data Engineers haben, um die Anwendung auch umsetzen zu können. Ein Einzelner kann die heutige Bandbreite gar nicht mehr abdecken. Gebraucht wird also immer ein Expertenteam.

DR. LARS SCHWABE: Unternehmen sollten einfach anfangen und Erfahrungen sammeln. Dabei müssen sie die Mitarbeiter mitnehmen und Ängste vor dem „Kollegen Computer“ abbauen. KI sollte eher als Assistenz betrachtet werden und nicht als Bedrohung. Ebenso wichtig ist es, Expertise aufzubauen. Das heißt nicht, dass jedes Unternehmen KI-Forscher einstellen muss. Aber gerade jetzt ist es wichtig, Inhouse ein gewisses Know-how aufzubauen, damit Unternehmen auch aus technologischer Sicht Dinge bewerten und kritisch hinterfragen können. Und sie sollten sich nicht zu abhängig machen von einzelnen Produkten, Dienstleistern oder von Cloud-Services, sodass sie am Ende nur noch passiver Konsument sind.

Gerade jetzt ist es wichtig, dass Unternehmen Inhouse ein gewisses Know-how aufbauen, damit sie auch aus technologischer Sicht Dinge bewerten und kritisch hinterfragen können.

Dr. Lars Schwabe, Leiter des Data Insight Labs Lufthansa Industry Solutions

Inwiefern wird sich die Arbeitswelt in der Zukunft durch künstliche Intelligenz verändern?

DR. LARS SCHWABE: Menschen werden noch stärker mit Maschinen zusammenarbeiten. Wichtig ist, dass Menschen nicht nur zu ausführenden Organen werden und Maschinen permanente Anweisungen geben.

JOACHIM WOLF: Ich sehe ein hybrides Modell, in dem Mensch und Maschine gemeinsam vernünftig funktionieren. Der Mensch ist nicht so leicht zu ersetzen. Improvisationstalent, Kreativität, Innovation und Empathie bleiben ihm vorbehalten. Im Hinblick auf die Geschwindigkeit, in der eine große Menge an Informationen verarbeitet wird, ist dagegen die Maschine überlegen. Sie kann beispielsweise Entscheidungen vorbereiten und damit die Entscheidungsfähigkeit des Menschen qualitativ verbessern. Die Ansprüche an den Arbeitsplatz der Zukunft werden künftig enorm steigen, aber auch Anwenden dieser Technologie wird sich vereinfachen.

DR. LARS SCHWABE: Das sehe ich ähnlich. Viele große Aufgaben der Menschheit werden nur gelöst, wenn Menschen und Maschinen zusammenarbeiten. Das ist alternativlos.

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