Interview mit Dr. Holger Schlüter zum Digitalen Corona Gesundheitszertifikat
Mehr Alltag trotz Corona-Krise

Mit einem digitalen Corona Gesundheitszertifikat will eine Initiative um das Uniklinikum Köln, der Bundesdruckerei und die Blockchain-Experten von Ubirch den Weg in den wirtschaftlichen Neustart ebnen. Ein Projekt, an dem auch Lufthansa Industry Solutions beteiligt ist. Wir sprachen mit Dr. Holger Schlüter, Product Manager IoT Solutions bei LHIND, über die Idee hinter dem Projekt, die Rolle der LHIND und die bislang größten Herausforderungen.

Dr. Holger Schlüter, Product Manager IoT Solutions bei LHIND

Norderstedt, 28. April 2020 – Die Idee des Digitalen Corona Gesundheitszertifikats hat in den letzten Tagen für Aufsehen gesorgt. Worum geht es bei dem Projekt?

Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, wie sich die andauernde Corona-Krise mit einem geregelten Alltag vereinbaren lässt. Welche Möglichkeiten gibt es, die Wirtschaft wieder anlaufen zu lassen und dabei die Gefahr einer erneuten Infektionswelle möglichst klein zu halten? Um dieses Ziel zu erreichen, ist das Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen von großer Bedeutung. Kurzfristig gehören dazu Abstandsregelungen und die Nutzung von Atemschutzmasken, mittel- und langfristig flächendeckende Tests und Impfungen. Ein wichtiges Element wird auch die Kenntnis des Gesundheitsstatus einzelner Personen sein. Wer ist besonders gefährdet? Wer hat die Erkrankung bereits hinter sich? Wer ist gesund? Nur so lässt sich in Freizeit und Beruf ein gewisser Alltag wiederherstellen, ohne dabei die Gesundheit gefährdeter Gruppen zu riskieren.

Grundlage des Ansatzes ist die digitale Vernetzung verschiedener Prozessschritte. Wie ist das Projektteam dabei vorgegangen?

Zunächst stand fest, dass es eine Art Gesundheitszertifikat braucht, das eine verlässliche Aussage darüber zulässt, ob die entsprechende Person ansteckbar oder ansteckend ist. Die dynamische Verbreitung des neuartigen Coronavirus verlangt nach einer neuen Überarbeitung des bestehenden Systems. Das Problem ist, dass bis heute wichtige Prozesse häufig noch papierbasiert ablaufen, wodurch die Schnelligkeit leidet und Raum bleibt für potenzielle Fehlerquellen. Das Ziel lautete also, die gesamte Prozesskette zu digitalisieren und zu vernetzen – von der Probenentnahme in den Laboren über die Einbindung der Kliniken und Gesundheitsämter bis hin zur Benachrichtigung des Patienten und der fälschungssicheren und anonymisierten Ablage der Daten in der Blockchain.

Welche Rolle nimmt LHIND bei der Digitalisierung dieser Prozesskette ein?

Als Systemintegrator unterstützen wir zunächst bei der Vernetzung der Teilnehmer untereinander. Unsere Aufgabe ist es also, Labore, Kliniken und Gesundheitsämter so miteinander zu verbinden, dass eine durchgängige Meldekette entsteht. Dabei soll die Integration in das System so einfach wie möglich sein. Denn erst, wenn sich verschiedenste Einrichtungen flächendeckend an dem Projekt beteiligen können, gewinnt die Lösung an Wert. 

Darüber hinaus gibt es den Ansatz, die Analysegeräte direkt in das System einzubinden und die Datenübertragung zu automatisieren. Die Testergebnisse könnten so sofort nach der Analyse in die entsprechenden Einrichtungen geleitet werden. Das beschleunigt den Prozess immens und spart wichtige Zeit. Auch die Einbindung weiterer Teilnehmer, wie etwa Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen ist denkbar, um so einen Beitrag zu einem Neustart der Wirtschaft zu leisten. Sensible Bereiche könnten für immunisierte oder nicht gefährdete Personen freigegeben werden, indem die Lösung in das jeweilige bestehende Zutrittssystem integriert wird. Zusammen mit weiteren Vorsichtsmaßnahmen ließe sich so bei einem Neustart der Wirtschaft das Infektionsrisiko minimieren.

Was ist das Besondere an diesem Projekt? Gab es etwa technologische Herausforderungen, die gelöst werden mussten?

Die Herausforderungen liegen weniger im technologischen Bereich. Vielmehr sind es prozessuale Fragen, die uns gefordert haben. Wie gesagt, muss die komplette Kette von der Probeentnahme bis zur Ergebnislieferung und Ablage abgedeckt werden. Das heißt, dass wir viele verschiedene Glieder einbinden müssen. Das erfordert eine gute Abstimmung und Organisation zwischen den Projektpartnern. Insbesondere, wenn es sich um ein solch interdisziplinäres Projekt handelt. Neben den Security-Experten von Ubirch und der Bundesdruckerei sind natürlich auch Mediziner von Kliniken, Laboren und Gesundheitsämtern involviert. Und das ist das, was ein solches Projekt erst spannend und erfolgreich macht. Als ITler können wir uns tolle Sachen überlegen – aber die medizinischen Experten müssen beurteilen, was wirklich sinnvoll ist. Das hat bis hierhin aber super geklappt und ich bin überzeugt, dass wir auch weiterhin erfolgreich zusammenarbeiten werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Schlüter.

Über Lufthansa Industry Solutions

Lufthansa Industry Solutions ist ein Dienstleistungsunternehmen für IT-Beratung und Systemintegration. Die Lufthansa-Tochter unterstützt ihre Kunden bei der digitalen Transformation ihrer Unternehmen. Die Kundenbasis umfasst sowohl Gesellschaften innerhalb des Lufthansa Konzerns als auch mehr als 200 Unternehmen in unterschiedlichen Branchen. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Norderstedt beschäftigt über 2.100 Mitarbeiter an mehreren Niederlassungen in Deutschland, Albanien, der Schweiz und den USA.