„SAP Intelligent Enterprise und agile Beraterteams bewirken große Veränderungen in kurzer Zeit“
– Anke Frier, Associate Director SAP Transformation Strategy, im Gespräch

Wie SAP-Systeme implementiert werden und was das mit einem Container auf Malta zu tun hat, erklärt Anke Frier, Associate Director SAP Transformation Strategy.

Frau Frier, heute sprechen immer mehr Unternehmen von Intelligent Enterprise, künstlicher Intelligenz und Prozessoptimierung durch Digitalisierung. Ist Ihr Job anspruchsvoller als noch vor zehn Jahren?

Ja, aber er ist auch noch spannender geworden! Für die ERP-Systeme und Analytics-Tools von SAP spielen heute Verfahren der künstlichen Intelligenz (KI) eine immer größere Rolle. Diese Verfahren erkennen Muster in Daten und damit in Texten, Bildern, Sprache und sogar Unternehmensprozessen. Eine Eigenschaft, die hilfreich ist, um Prozesse für Unternehmen zu optimieren. Eine bestimmte Unschärfe bleibt aber bei diesen Verfahren. Unsere Aufgabe ist es, diese abschätzen zu können, um die Verfahren an der richtigen Stelle im Prozess beziehungsweise an der richtigen Stelle in der Systemarchitektur einzusetzen. Insgesamt müssen wir heute viel mehr Schnittstellen in ERP-Landschaften berücksichtigen. Es reicht nicht mehr, ERP-Systeme zu implementieren, die die Prozesse innerhalb einer Firma integrieren und steuern. Es gilt auch, die Prozesssicherheit und Prozessoptimierung für unsere Kunden über Unternehmensgrenzen hinweg zu gewährleisten. Dafür ist es sinnvoll, zumindest Teile der Intelligent-Enterprise-Landschaft in eine Cloud zu heben, zum Beispiel für die Bereitstellung mobiler Endanwender-Applikationen, die unter Umständen weltweit oder öffentlich verfügbar sein müssen und den Endanwender etwa mit KI-Verfahren unterstützen.
Im Zuge der Digitalisierung verändert sich nämlich der klassische Endanwender von Intelligent-Enterprise-Systemen. Der kann für eine andere Firma tätig oder der Endkunde unserer Kunden sein. Customer Centricity heißt das Schlagwort dafür. Immer häufiger kommunizieren Intelligent-Enterprise-Systeme auch nur mit ERP-Systemen anderer Unternehmen. Die Abläufe sind viel komplizierter und die Anforderungen an die Connectivity und an die damit verbundene Prozessgenauigkeit viel anspruchsvoller geworden.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ein exemplarisches Feld ist der Einkauf von Flugzeugteilen. Früher haben Einkäufer innerhalb des unternehmenseigenen SAP ERP-Systems die Bestellungen manuell erstellt. Heute beginnt der Bestellprozess beim Kunden, im Internet, außerhalb des Konzerns. Bei Flugzeugteilen sind die Kunden verschiedene Airlines oder fremde Reparaturbetriebe. Der Einkäufer erwartet dabei von einer guten ERP-Lösung, dass er über alles auf dem Laufenden bleibt, ohne selber Routinetätigkeiten durchführen zu müssen. Über Machbarkeiten, Preise, Termine, Teileverfügbarkeiten und vieles mehr.
Bei dem Trend, dass die Endanwender von SAP-Systemen nicht mehr im Unternehmen des Kunden zu suchen sind, wandeln sich die Geschäftsmodelle sehr schnell. Deshalb müssen unsere Teams auch für SAP-Projekte agil aufgestellt sein. Transformationen von alten SAP-Anwendungen hin zu SAP Intelligent-Enterprise-Lösungen und -Landschaften erfolgen nicht auf einen Schlag, sondern werden sukzessive aufgebaut. Dabei ist es wichtig, in kurzen Zyklen von vier bis sechs Wochen Ergebnisse zu liefern, die für das Business unserer Kunden einen messbaren Mehrwert schaffen und anhand derer unser Kunde sehen kann, in welche Richtung wir unterwegs sind. So können wir gemeinsam mit dem Kunden gegebenenfalls Anpassungen vornehmen, die sich aus den sich immer schneller wandelnden Anforderungen ergeben.

Wie behält man bei dieser Menge an verknüpften intelligenten Systemen den Überblick?

Indem man sich bei jedem Fall ganz einfach die Frage stellt: Macht das System das, was der Mensch will? Beim Einsatz von künstlicher Intelligenz im Wareneingang ist es beispielsweise wichtig, ob das System über eine höhere Treffergenauigkeit verfügt als der Mensch. Wenn dem nicht so ist, können Sicherheitsrisiken entstehen oder Datenqualitäten sich wesentlich verschlechtern. Berater zum Thema SAP Intelligent Enterprise müssen präzise einschätzen können, wie hoch die Systemsicherheit im jeweiligen Businesskontext sein muss. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, welche technische Architektur für die Lösung zu wählen ist, damit sie genau das tut, was unser Kunde möchte, etwa die notwendige Sicherheit bei Flugzeugteilen zu gewährleisten. Die Systemdesigner tragen hohe Verantwortung und automatisierte Testverfahren über Unternehmensprozesse hinweg bekommen immer mehr Bedeutung. Beim Einsatz von KI-Komponenten muss man dann gelegentlich auch an einen technischen Vier-Augen-Check denken. Das ist konzeptionell sehr spannend. Diese Herausforderungen schätze ich sehr.

Sitzen Sie in Ihrem Job Tag und Nacht am Schreibtisch und brüten über Zahlen und SAP-Architekturen?

Der Job als SAP Intelligent-Enterprise-Berater muss kein reiner Bürojob sein. Unsere Kunden operieren weltweit. Allerdings sind Reisen eher der Ausnahmefall und erfolgen auf freiwilliger Basis. 2009 bin ich beispielsweise ein Dreivierteljahr als Programmmanagerin zwischen Malta und Sofia hin- und hergeflogen, weil wir dort zeitgleich mit zwei Teams gearbeitet haben. Erst kürzlich habe ich in einem Film über Malta gesehen, dass heute neben dem Container und den zwei Büros, in denen wir damals tätig waren, riesige Hangarlandschaften entstanden sind und der Standort dort sehr groß geworden ist. Das damals designte SAP-System hat nach wie vor Bestand und wird unter anderem inzwischen auch in Puerto Rico genutzt, ein sehr schönes Gefühl.

Stehen Sie eigentlich in regelmäßigem Austausch mit SAP?

Bei Lufthansa Industry Solutions haben wir einen kurzen Draht zu SAP und können unseren Kunden so einen entscheidenden Mehrwert bieten. Über die neuesten SAP-Produkte und -Trends werden wir früh informiert. Außerdem kennen wir die Stärken und Schwächen neuer SAP-Produkte genau und wissen auch, welche Alternativen es gibt, oder können einschätzen, welche Produkte gegebenenfalls noch nicht ausgereift sind. Die Stärke von SAP liegt eindeutig in der Geschwindigkeit, die die Produkte oder Komponenten bringen, wenn sie für den Kunden passen und an der richtigen Stelle eingesetzt werden.

Wie wichtig sind neben diesen praktischen Erfahrungen Schulungen über neue Produkte zu SAP Intelligent Enterprise?

Bei SAP muss man immer am Ball bleiben. Es reicht nicht, Experte für ein einzelnes Thema zu sein. Kenntnisse aus den verschiedensten Unternehmensbereichen sind wichtig, um intelligente, digitalisierte Prozesse zwischen Abteilungen, Unternehmen und Kunden zu designen. Erst wenn sie das tun, was der Mensch will, sind sie intelligent. Diesen Anspruch haben wir auch an unsere Berater.

Zur Person

Anke Frier ist als Associate Director SAP Transformation Strategy bei Lufthansa Industry Solutions am Standort Norderstedt tätig. Sie absolvierte ein Diplomstudium der Wirtschaftsmathematik in Hamburg. Ihre Abschlussarbeit verfasste sie zum Thema neuronale Netze. Anschließend sammelte sie zunächst SAP-Erfahrung in der Lebensmittelbranche und wechselte 1998 zu Lufthansa Industry Solutions. Aktuell arbeitet sie mit einem unternehmensübergreifenden Team an neuen, intelligenten Wareneingangsprozessen für Flugzeugteile innerhalb einer komplexen SAP-Landschaft.